Umzug am laufenden Kilometer: das Kreisarchiv zieht nach Plochingen

„Der Auszug des Kreisarchivs aus dem Gebäude in den Pulverwiesen und auch der des Amts für Geoinformation und Vermessung aus der Röntgenstraße markiert den Startpunkt zu einem ausgeklügelten Umzugskonzept aus dem Bestandsgebäude am Standort Esslingen“, sagt Landrat Heinz Eininger bei einem Vor-Ort-Termin in den neuen Räumlichkeiten des Kreisarchivs. Bis im Frühjahr nächsten Jahres sollen alle Dezernate und Ämter aus dem alten Verwaltungsgebäude am Standort Esslingen ausgezogen sein und einen Platz im sanierten Bestandsgebäude, im Neubau in Plochingen oder vorübergehend in einer Interimsunterkunft gefunden haben. Dann wird das Gebäude abgerissen und nach neuesten Standards neu errichtet.
 
Im Kreisarchiv Esslingen werden bereits seit einer Woche Akten geschleppt, Kisten befüllt und Wagen gefahren. Beim Umzug des Kreisarchivs nach Plochingen gilt es, Großes zu bewegen. Rund 3,8 laufende Kilometer Archiv- und Bibliotheksgut - Urkunden, Akten, Bücher, Karten, Pläne und Zeichnungen, aber auch Dias, Mikrofilme und Fotografien sowie audiovisuelle und digitale Unterlagen - werden von Esslingen sowie aus einem Bunker in Beuren nach Plochingen transportiert. Das älteste Stück ist ein Dokument aus dem Jahr 1404.
 
„Wir haben hier optimale Bedingungen für das Archiv schaffen können“, sagt Kreisarchivar Manfred Waßner bei einem Rundgang durch die neuen Räume. Das Archivgut wird künftig in speziell umgebauten und ausgestatteten Räumen aufbewahrt. Die Archivmagazine haben kein Tageslicht, dafür eine konstante Temperatur von 18 Grad sowie eine relative Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent – ideale Bedingungen für eine langfristige Aufbewahrung des Archivguts. Dabei benötigt jedes Format nicht nur einen geeigneten Platz zur Aufbewahrung, sondern es muss auch an vielen Stellen Platz für Zuwachs geben. Die höchsten Regale im künftigen Kreisarchiv sind mehr als drei Meter hoch. Im Vorfeld waren penible Planungen für die optimale Raumnutzung und Unterbringung des Archivguts notwendig.
 
Insgesamt drei Wochen soll der Umzug nun dauern, dabei wird Regal für Regal umgezogen. „Team Esslingen“ der insgesamt 18 Mitarbeitenden im Kreisarchiv packt die Archivalien ein, und „Team Plochingen“ setzt diese nach dem Transport ans Ziel sofort an den dafür vorgesehenen Platz. „So können wir verhindern, dass die Unikate an der falschen Stelle landen. Dann wären diese wahrscheinlich unauffindbar“, erklärt der Kreisarchivar. 
 
Bis Anfang Oktober haben die Mitarbeiter Zeit, alle Stücke umzuziehen. Der reguläre Archivbetrieb wird aller Voraussicht nach am 4. Oktober wieder aufgenommen. Der Kreisarchivar freut sich auf die Aufgabe in den neuen Räumen: „Wir können mit einem Seminarraum künftig auch größere Gruppen, zum Beispiel Schulklassen betreuen.“

Aus den Umzugskisten fördern Landrat Heinz Eininger (links) und Kreisarchivar Manfred Waßner Allerlei zu Tage. Foto: Andrea Wangner

Aufgaben des Kreisarchivs

Das Kreisarchiv Esslingen bewahrt und erhält die historische Überlieferung des Landkreises Esslingen und stellt dieses Kulturgut der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Kreisarchiv berät und betreut darüber hinaus im Rahmen der Kommunalen Archivpflege 38 Stadt- und Gemeindearchive im Landkreis. Es fördert und unterstützt die Erforschung der Heimatgeschichte, auch durch eigene wissenschaftliche und heimatkundliche Projekte und Aktivitäten. Das Kreisarchiv unterhält eine öffentliche Bibliothek zur Kreisgeschichte.
 
Das Kreisarchiv wirkt an der Weiterentwicklung fachlicher Standards und an der Ausbildung im Archivwesen landesweit mit. Im Bereich der Digitalen Langzeitarchivierung zählt es zu den führenden Kommunalarchiven Deutschlands. Als Querschnittseinheit innerhalb des Landratsamts ist das Archiv unter anderem auch für die Grundsätze und Richtlinien der Schriftgutverwaltung und Aktenführung der Verwaltung zuständig und leitet die Projektgruppe Digitale Akte des Landratsamts. Ziel dieses Projekts ist es, sämtliche Prozesse innerhalb der Verwaltung vollständig digital zu realisieren.
 
Eine zentrale gesetzliche Aufgabe des Kreisarchivs ist es, die Akten der Kreisverwaltung nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen auf Archivwürdigkeit zu prüfen und gegebenenfalls ins Kreisarchiv zu übernehmen. Dort werden sie dann konservatorisch gesichert und inhaltlich erschlossen, um sie der Öffentlichkeit zur Benutzung und Einsicht zur Verfügung stellen zu können. Der Gesetzgeber verfolgt damit im Wesentlichen zwei Ziele: einerseits die Sicherung und dauerhafte Erhaltung des historisch-kulturellen Erbes für die Allgemeinheit und andererseits die Schaffung von demokratischer, rechtsstaatlicher Transparenz für staatliches Handeln durch öffentlichen Zugang zu Archivgut.

Zahlen, Daten, Fakten

Bestände:
Bibliothek: rund 25.000 Bände, online recherchierbar im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund
 
Archiv: rund 3,5 laufende Kilometer Archivgut (Urkunden, Akten, Bände) vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (ältestes Archivale von 1404); digitales Archivgut derzeit rund ein Terabyte; rund 200.000 Bilder und Fotografien. Jährlicher Zuwachs an Archivgut rund 50-80 laufende Meter
 
Räume:
Archivmagazine bisher:
Drei Archivmagazine und Bibliotheksraum in den Pulverwiesen; ein Archivmagazin in Beuren; Gesamtkapazität Archivmagazine 3,8 laufende Kilometer
 
In Plochingen:
Zwei Archivmagazine mit 5,3 laufende Kilometer Kapazität und guter Klimatisierung und Bestandssicherung (18 Grad Celsius, 50% relative Luftfeuchtigkeit, weitgehende Hochwassersicherheit); zusätzlich ein Reservemagazin mit rund 1,5 laufende Kilometer, das zunächst von der Registratur genutzt wird
 
Neu in Plochingen:
Logistik- und Lagerräume für Material und zur Vorbereitung von zu bearbeitendem Schriftgut Seminarraum für die Arbeit mit größeren Gruppen, zum Beispiel Schulklassen
Generell: funktionale Räume auf einer Ebene, die Arbeitsprozesse sind so gut wie möglich planerisch im Bestandsbau (früheres Kreiskrankenhaus) umgesetzt worden.
 
Beschäftigte:
derzeit 18 Beschäftigte für die gesamten Aufgabenbereiche, davon eine Auszubildende (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) und fünf ausgebildete Archivarinnen und Archivare.