Foodsharing jetzt auch in Plochingen

Von Matthias Drißner - Plochinger Nachrichten

Während weltweit Millionen Menschen an Hunger leiden, wandern hierzulande tonnenweise Lebensmittel in die Müll- oder Biotonne, nur weil die Paprika verschrumpelt, die Banane braun, die Gurke zu krumm oder dem Blumenkohl ein zu großer Kopf gewachsen ist, um verkauft zu werden. Nach dem Motto „Verwenden statt Verschwenden“ will Foodsharing der Wegwerfkultur nachhaltig und wertschätzend entgegentreten. Als Reaktion auf die Verschwendung entstanden durch die Foodsharing-Initiative in den vergangenen zehn Jahren in vielen Städten lokale Gruppen, um diese Lebensmittel, die „zu gut für die Tonne“ sind, zu retten. Neuerdings hat das Foodsharing auch in Plochingen Fuß gefasst und die Stadt stellte für die geretteten Lebensmittel eine Hütte zur Verfügung, aus der man sich kostenlos bedienen darf.

Zahra Demir, eine von sechs Foodsharing-Botschafterinnen und Svenja Wendling, eine der Betriebsverantwortlichen, stellten das Konzept jüngst in der Seniorenakademie vor. Der Stadtseniorenratsvorsitzende Dr. Jörg Eberle sagte, dass die ältere Generation, die den Krieg teils noch miterlebte, zwar noch bewusster mit Lebensmitteln umgehe und es vermeide, sie wegzuwerfen, aber zugleich nehme Altersarmut zu und Tafelläden erfahren immer mehr Zulauf. 

Zwei Frauen vor einer Holzhütte, die ein Blech mit Brezeln in den Händen halten.
Svenja Wendling (l.) und Lucia Stella vor dem Plochinger "Fair-Teiler".

Wo steht der Fair-Teiler?

Nachdem zunächst im Eingangsbereich des evangelisch-methodistischen Gemeindezentrums H29 ein Schrank zur kostenlosen Mitnahme aussortierter Nahrungsmittel stand, ließ die Stadt Plochingen kürzlich an der Einfahrt zur Tiefgarage des Gymnasiums an der Ecke Hermann-/Urbanstraße (vor der ehemaligen Buchhandlung Linderer und gegenüber der Kelter) eine Hütte für die Lebensmittel des Foodsharings aufstellen – zur kostenlosen Mitnahme für alle.

Foodsharing kooperiert mit Betrieben

Allein im Jahr 2020 landeten in Deutschland insgesamt etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall, nur in Stuttgart seien es stündlich rund 6,8 Tonnen - „unglaublich viel“, sagt Demir. Aus der Studentenbewegung in Berlin gründete sich das Foodsharing vor etwa zehn Jahren als „legale Variante zum Containern“, schildert sie. Containern sei in Deutschland illegal und eine Straftat, wovon sich das Foodsharing abgrenze und vielmehr mit Betrieben, dem Großhandel, Super- und Wochenmärkten, mit Bäckereien, der Gastronomie und Kantinen kooperiere. Es werde nur das mitgenommen, was erlaubt sei. „Wir arbeiten auch Hand in Hand mit den Tafelläden und konkurrieren nicht mit ihnen“, erklärt sie. Die Tafeln hätten Vorrang, „wir holen das ab, was bei den Tafeln übrigbleibt“. Für das Foodsharing stehe auch nicht unbedingt die Bedürftigkeit im Vordergrund, sondern „gutes Essen vor der Tonne zu retten, nicht aber aus der Tonne.“ Ein Unterschied zu Tafeln sei auch, dass Tafelläden Nahrungsmittel verkaufen, „wir nicht“, sagt Demir.

Über die Arbeit der Foodsaver

„Foodsaver“ oder Lebensmittelretter, arbeiten ehrenamtlich und unentgeltlich. Sie fördern ökologisch verantwortungsbewusstes Verhalten und leisten Bildungsarbeit zum Thema Nachhaltigkeit. Ihr Ziel ist es, die Wertschätzung für Lebensmittel zu steigern, Menschen für das Thema zu sensibilisieren und sie aufzufordern, sich aktiv gegen die Verschwendung von Ressourcen einzusetzen. Sie koordinieren das Abholen der
Waren und pflegen den „Fair-Teiler“, den Ort der Lagerung. Die geretteten Lebensmittel sollen dann für alle zugänglich und verfügbar sein.

Laut Zahra Demir gab es Foodsharing im näheren Umkreis zunächst nur in Wendlingen. Vor rund einem Jahr vergrößerte sich der Bezirk und es entstand eine Gruppe Plochingen und Deizisau. In ganz Deutschland gibt es etwa 99.000 aktive „Foodsaver“. Allein in Wendlingen und Plochingen sind es inzwischen über 500 und es gibt 39 aktive Kooperationen. In 3.512 Einsätzen hätten sie bereits 68.202 Kilogramm Lebensmittel gerettet, berechnete Demir. Und nachdem man von über 100 Plochingerinnen und Plochingern die Rückmeldung erhielt, dass sie aktiv werden und mitmachen möchten, habe man sich vor rund einem Jahr entschlossen, den Foodsharing-Bezirk auf Plochingen auszuweiten.

Mittlerweile sei das Team der Botschafterinnen und Botschafter auf sechs Personen angewachsen. Für den Plochinger „Fair-Teiler“ ist Lucia Stella verantwortlich.

Über den Fair-Teiler, was hinein darf und was nicht

„Fair-Teiler“ sind ohne Anmeldung begehbare, öffentliche Orte, aus denen jede und jeder sich bedienen und sie nutzen darf. Sie dienen der Zwischenlagerung und dem Tausch von Lebensmitteln. Zum einen kann man eingestellte Lebensmittel kostenlos mitnehmen, man kann aber auch welche dorthin bringen, wenn man zum Beispiel in den Urlaub fährt und sie nicht wegwerfen möchte oder wenn falsche Kaffeekapseln gekauft wurden. Auch Non-Food-Artikel können gerettet werden, wie Waschmittel mit beschädigter Verpackung. Aushänge im „Fair-Teiler“ weisen darauf hin, was eingestellt werden darf und was nicht. Nicht hinein dürfen beispielsweise Produkte mit alkoholischem Inhalt, Eier, Medikamente, Energydrinks oder Lebensmittel, die gekühlt werden müssen, damit es keine Probleme mit der Lebensmittelüberwachung gibt. Daher gibt es auch keinen Kühlschrank in der Hütte. Ansonsten müssten die dort gelagerten Waren täglich kontrolliert werden, was nicht leistbar sei. 


„Wenn der Fair-Teiler leer ist, erfüllt er seinen Zweck“, meint Demir, weil die Waren auch Verwendung finden sollen. Muss etwas entsorgt werden, wird das „Fair-Teiler“-Team aktiv. Findet es dann weder bei den Kleintierzüchtern noch beim Tierpark Nymphaea Verwendung, muss es in die Bio-Tonne. Zahra Demir hält den Plochinger Standort für gut, denn durch die Nähe zu den Schulen wolle man dort auch gerne Nachhaltigkeit thematisieren. Auch die kooperierenden Plochinger Betriebe seien alle zufrieden. Für sie bedeute das Mitmachen eine Erleichterung, denn sie müssen weniger selbst entsorgen und können dabei gleichzeitig etwas Gutes tun.

Die Stadt Plochingen unterstützt Foodsharing

„Es gibt Menschen, die Tiere retten, andere retten Nahrungsmittel“, bemerkte Plochingens Haupt- und Personalamtsleiter Martin Gebauer. Nachdem Zahra Demir auf ihn zukam, ihn überzeugte und der Ausschuss für Wirtschaft und Verwaltung zustimmte, habe man einen Standort gesucht. Zur Finanzierung der Hütte suchte die Stadt Plochingen einen Partner und habe ihn im Altenhilfeverein gefunden. Die Stadt stellte den Standort bereit, erwarb eine Hütte bei HolzLand Metzger, die der Bauhof anstrich und aufstellte. Im Sinne von Nachhaltigkeit und bewusstem Handeln seien nun Spender und Aktivisten herzlich willkommen, lud Martin Gebauer
zur Nutzung ein. Zur Refinanzierung der Blockhütte freut sich die Stadt Plochingen über Spenden. Auf der Überweisung bitte das Kennwort „Foodsharing“ mit angeben.

Weitere Informationen zu Foodsharing